Ravns Verbannung

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Stromberg kam mit gegrillten Scampi.
Das war eine erstaunlich gute Entscheidung. Nach Neptunium, Atommüll, Tiefgarage, Kadetten, königlicher Krisendiplomatie und mehreren beinahe internationalen Zwischenfällen wirkte eine Platte mit gegrillten Scampi fast wie ein Friedensvertrag mit Knoblauch.
Indulan saß nun tatsächlich auf dem Thron der Königsloge. Sie hatte die Beine seitlich gestellt mit der tiefen Aufmerksamkeit einer Frau, die gerade mehrere Staaten, eine Stiftung, Kuba, die Sowjetunion, Hessen, Österreich und einen verletzten Eishockeyspieler in eine Lösung gezwungen hatte und nun fand, dass Meeresfrüchte das Mindeste waren.
Stromberg stellte die Platte auf den kleinen Tisch neben dem Thron.
„Hoheit.“
„Herr Stromberg.“
„Ein bescheidener Dank. Die Köchin hat sie gerade frisch angeröstet mit Olivenöl aus Sardinien und Knoblauchkräuterbutter aus Dänemark.“
Indulan nahm eine Scampi mit den Fingern, biss hinein und schloss für einen Moment die Augen.
„Mittelmeerraum und Nordeuropa vereint, das gefällt mir.“
Sie aß langsam, genüsslich, ohne die geringste Eile. Alle zwölf Scampi schweigend. Stromberg blieb stehen. 
„Ich war heute bemerkenswert klug.“
Stromberg hob kaum sichtbar eine Augenbraue.
„Hoheit wünschen, dass ich widerspreche?“
„Nein. Ich genieße nur selten genug den Vorteil, rechtzeitig recht gehabt zu haben. Meist ist meine Mutter schneller als ich.“
„Dann gestatte ich mir, Ihnen zu gratulieren.“
„Das dürfen Sie. Aber nicht zu lange. Es würde mir zu sehr gefallen.“
Stromberg lächelte dünn.
Indulan nahm eine Damastserviette von dem Tischchen, tupfte sich die Lippen ab und wischte dann beiläufig ihre Finger ab.
„Sie haben Glück gehabt.“
„Ich habe viel verloren.“
„Sie haben eine Eishalle verloren, die Sie uns sowieso zur Verfügung gestellt haben. Drei Ringe, die Sie vorerst nicht zurückbekommen. Einen Reaktor, den Sie nicht mehr unter Kopenhagen verstecken dürfen. Ravn, die Sie bestrafen müssen. Der Rest bleibt Ihnen und mir.“
„Ist das viel?“
„Sie haben Ihr Gesicht behalten, ihre Schiffe. Und Sie haben Steuerfreiheit und eine Vernichtung der Hafengebühren für Ihre Schiffe erreicht. Das wird die Konkurrenz schwächen. Darüber hinaus haben Sie eine Zukunft, in der Sie nicht als Mann in Erinnerung bleiben, der Dänemark wegen einer privaten Eismaschine beinahe in eine nukleare Krise geführt hätte.“
Stromberg sah durch die Glasfront hinunter auf die leere Arena.
„Es ist keine Eismaschine gewesen. Ich bin kein Konditor.“
„Ich bin nicht schärfer als ihre Scampi.“
Stromberg sah sie an.
„Sie vertrauen mir?“
Indulan stand auf, stellte den Teller auf den Tisch und tupfte sich die Finger mit einer Stoffserviette ab.
„Ich vertraue darauf, dass Sie nach dieser Nacht nichts Dummes in einem Raum tun, den ich Ihnen ausdrücklich überlassen habe.“
„Das ist eine sehr dänische Einladung.“
Die Tür schloss sich leise hinter ihr.
Stromberg wartete drei Atemzüge, dann wandte er sich um.
Klebb, Lodge, Volpe und Ravn traten aus dem Hofdamenraum in die Loge.
Ravn sah blass aus. Ihr eisweißer Anzug war nicht mehr vollkommen weiß, ein Ärmel war verschmutzt, und ihre Haltung trug den steifen Trotz einer Frau, die wusste, dass alle anderen gesehen hatten, wie gründlich sie die Kontrolle verloren hatte.
Volpe nahm sich eine geeiste Praline und verzog das Gesicht über den Kräutergeschmack des Marzipans.
„Königliche Reste“, sagte sie. „Man muss nehmen, was die Geschichte liegen lässt.“
Lodge setzte sich mit seiner Aktentasche an den Tisch.
„Die Steuerfreiheit und Hafengebührenbefreiung sind wirtschaftlich erheblich. Wenn wir die Schenkung der Arena steuerlich als kulturpolitischen Beitrag fassen, verlieren wir kurzfristig, gewinnen aber langfristig Flottenmarge.“
Klebb stand am Fenster und sah nach unten.
„Drei Ringe fehlen.“
„Das habe ich bemerkt“, sagte Stromberg.
„Dann bemerken Sie auch, dass Paloma nicht unterschätzt werden sollte.“
„Ich unterschätze niemanden zweimal.“
Volpe lächelte.
Stromberg ließ den Satz stehen. Dann ging er zum Thron, setzte sich nicht darauf, sondern stellte sich daneben. Das war fast respektvoll.
„Wir haben einen teuren Rückschlag erlitten“, sagte er. „Keinen Verlust der Richtung.“
Ravn hob den Kopf.
„Der Portalgenerator ist deaktiviert. Drei Ringe sind unterwegs nach Kuba. Die WEO bekommt den Reaktor. Die Prinzessin kontrolliert die Arena. Claudia bekommt Daten. Anya bekommt Daten. Paloma bekommt Beute. Wie nennen Sie das nicht Verlust der Richtung?“
Stromberg sah sie an.
„Lehrgeld.“
Ravn schwieg.
Lodge zog ein Notizblatt heraus.
„Der Mikrokugelhaufenreaktor bleibt nutzbar. Die Verlegung außerhalb der Stadt ist teuer, aber machbar. Das Gezeitenkraftwerk bleibt als öffentliche Fassade erhalten. Wir verlieren den direkten Zugriff auf den ersten Aufbau, aber wir können tausend neue bauen in und außerhalb von Städten.“
„Und die Kühlung?“, fragte Volpe.
Stromberg drehte sich zur Glasfront.
Unten lag die Eisfläche dunkel und leer.
„Zeit war nie die einzige Quelle von Kälte.“
Klebb sah zu ihm.
„Sie haben bereits einen Ersatzplan?“
„Einen besseren.“
Ravn wurde noch blasser.
Stromberg sprach ruhig weiter. „Hugo Drax ist bereit, über einen Austausch zu verhandeln. Er hat Raumstationen geplant, braucht dafür aber Wärme. Ich habe Meere, die Kälte brauchen. Das Weltall besitzt mehr Kälte, als die Menschheit begreift, und Drax besitzt die Arroganz, sie anzuzapfen.“
Lodge schrieb mit.
„Thermischer Austausch orbital-maritimer Art über eine orbital-maritime Wärmesenke.“
Volpe lachte leise.
„Das klingt wie etwas, das nur Männer mit zu viel Geld sagen, bevor sie ein Meer in einen Eisblock verwandeln.“
„Drax erhält Abwärme und technische Stabilisierung für seine Stationen, von mir aus auch die Reaktorpläne, wenn das in der Schwerelosigkeit funktioniert“, sagte Stromberg. „Wir erhalten Kälte.“
Klebb sagte: „Das Weltall verschluckt Menschen ebenfalls.“
„Ja“, sagte Stromberg. „Aber es macht weniger Berichte darüber.“
Volpe nahm sich noch eine Praline, diesmal vorbereitet auf den Geschmack.
„Und Drax?“
„Drax will Höhe. Ich will Tiefe. Wir stören einander nicht.“
Lodge blickte auf.
„Finanzierung?“
„Über Schiffahrtsersparnisse, dänische Steuerfreiheit, Stiftungsmittel und eine neue maritime Forschungsinitiative. Thema: orbital unterstützte Ozeanstabilisierung.“
Volpe hob ihr Glas Aquavit.
Stromberg wandte er sich Ravn zu. Der Raum veränderte sich.
„Ravn.“
Sie trat einen halben Schritt vor.
„Herr Stromberg.“
„Sie haben Lind nicht kontrolliert. Sie haben die Ringe nicht gesichert. Sie haben in einer Tiefgarage schießen lassen, in der Atommüll, Neptunium und Kadetten standen. Einer Ihrer Männer hat den Sieger des Abends, Ilya Rozanow, verletzt, was für die Presseabteilung der Stiftung einen Haufen Arbeit macht. Damit haben Sie nicht nur eine Operation gefährdet, sondern mir eine Prinzessin mit moralischem Hebel und großem Scampiappetit verschafft.“
„Ich habe versucht, Ihre Anlage zurückzuholen und die Weltenergieorganisation aus allem herauszuhalten.“
„Sie haben versucht, eine Niederlage mit Lärm zu übertönen.“
Ravn sagte nichts.
Stromberg ging langsam auf sie zu.
„Die Prinzessin verlangt Bestrafung. Ich hätte Sie der dänischen Polizei überlassen können.“
„Das wäre ein Fehler.“
„Nein. Es wäre bequem. Aber ich verschwende ungern Material, das noch eine Funktion erfüllen kann.“
Stromberg blieb vor Ravn stehen.
„Sie übernehmen die Leitung der Polarstation Boreas-Süd.“
Ravn erstarrte.
„Die antarktische Messstation?“
Volpe spöttelte: „Nordwind in der Antarktis. Sehr strombergisch.“
„Es ist eine präzise Beschreibung und weit genug weg von Dänemark.“ dozierte Stromberg ohne sich umzuwenden.
„Sie ist im Winter nur alle sechs Monate erreichbar.“
„Darum heißt sie Polarstation.“
Volpe senkte den Blick, aber nicht schnell genug, um ihr Lächeln ganz zu verbergen.
Stromberg fuhr fort: „Sie werden dort allein die Beobachtungsdaten auslesen. Strömung, Eisbildung, atmosphärische Rückkopplungen, Meerestemperaturen, Albedo, Salzgehalt. Sechs Monate lang, dann schauen wir weiter. Keine Gäste, keine Gala, keine Wachen, die für Sie oder auf Sie schießen: Boreas-Süd ist nur Messwerte.“
Ravn sah ihn an.
„Das ist eine Verbannung?“
„Nein. Das ist Weiterbildung und Leben.“
„Und wenn ich ablehne?“
„Sie erinnern sich an das Abklingbecken unten? es ist ihre Entscheidung, aber ich werde der Prinzessin den Vollzug der Strafe melden.“
Das traf. Ravn schwieg lange. Lodge, Klebb und Volpe blickten zwischen Stromberg und Ravn hin und her.
„Allein?“
„Sie wollten Kontrolle. Dort bekommen Sie sie. Über Geräte, Schnee und die Frage, ob Sie jeden Morgen die Tür richtig schließen.“
Klebb sagte trocken: „Wenn Sie unvorsichtig sind, erfrieren Sie.“
Stromberg sah Ravn an.
„Klebb formuliert es ohne Personalabteilung, aber korrekt.“
Ravns Gesicht wurde hart.
„Ich werde gehen.“
„Eis statt Abklingwasser ist eine gute Entscheidung.“
„Und danach?“
„Danach sehen wir, ob Kälte Sie klüger gemacht hat.“
Volpe trat näher.
„Nehmen Sie Wolle mit und stricken Sie Schals in der Freizeit.“
Ravn sah sie giftig an.
„Oder Stolz“, sagte Volpe. „Davon haben Sie genug. Er wärmt nur leider schlecht.“
Stromberg wandte sich wieder dem Fenster zu.
„Damit ist dieser Teil erledigt.“
Lodge klappte seine Unterlagen zusammen.
„Ich bereite die Stiftungspapiere vor, die Schenkung, die Steuervereinbarung, die Zahlungen an die Kadetten, das Island-Lager und die Entsorgungsverträge mit Winden.“
„Und Drax?“, fragte Klebb.
„Ich spreche morgen mit ihm.“
„Morgen schon?“, fragte Volpe.
Stromberg lächelte.
Triumphierend.
„Warum warten? Eine teure Nacht ist am nützlichsten, solange sie noch weh tut.“
Er trat an die Glasfront und wandte den anderen vieren den Rücken zu. Die leere Arena spiegelte sein Gesicht. Das Eis unten war dunkel, aber nicht verschwunden. Es wartete nur.
„Wir haben gelernt“, sagte er. „Portale unter Hauptstädten. Keine nervösen Wissenschaftler mit Gewissen. Phasenanker in Reichweite kubanischer Zimmermädchen. Keine Schüsse in Garagen mit österreichischem Publikum.“
Volpe hob eine Augenbraue.
Klebb verschränkte die Arme.
„Und Lind?“
Strombergs Lächeln verschwand.
Er sah auf die Eisfläche hinunter, und zum ersten Mal an diesem Abend lag keine Berechnung in seinem Blick, sondern etwas, das fast wie Bedauern wirkte. Für einen Augenblick war ihm, als sähe er das schreiende Gesicht des erfrorenen Physikers von unten auf die Eisplatte drücken.
„Lind war schwach“, sagte er. „Aber er war ein guter Wissenschaftler.“
Niemand widersprach.
Stromberg legte eine Hand auf die Lehne des Throns, ohne sich daraufzusetzen.
„Eine Schweigeminute für ihn. Er war Teil des Teams, und nun ist er in dem Eis, das er für uns erschlossen hat.“
Lodge schloss die Aktentasche. Volpe stellte ihr Glas ab. Klebb senkte den Blick. Ravn stand unbeweglich, so gerade, als sei die Polarstation bereits um sie herum gebaut.
Sie schwiegen.
Eine ganze kalte Minute lang in Kopenhagen.

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