Smaragdgrüne Verführung am Buffet

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 Ein PR-MITARBEITER der Commonwealth-Delegation führte Shane für einen kurzen Sponsorentermin in den Festsaal des Hotels hinauf.
Shane trug den Teammantel offen über dem Dress, damit er für Sponsorenphotos jederzeit als wandelnde Werbewand durchgehen konnte. Das war zwar zu sportlich für den Festsaal, zu sichtbar für jede Form von Unauffälligkeit, aber genau das, was die PR-Leute von ihm wollten, selbst nach einer Niederlage. Er sah aus wie ein Mann, der gelernt hatte, sich in fremden Räumen so hinzustellen, als gehöre er dorthin, obwohl er innerlich längst wieder aufs Eis zurückwollte. Der PR-Mitarbeiter sprach im Gehen.
„Nur zwei Minuten. Ein Photo mit dem dänischen Staatssekretär, ein freundlicher Dank an die Strombergstiftung, ein kurzer Satz zur internationalen Zusammenarbeit zum Schutz der Ozeane. Nichts Politisches, nichts über Energie, nichts über Sowjetunion, nichts über…“
Shane knurrte gereizt: „Also im Grunde nur mein Gesicht?“ Shane nickte trotzdem mit der Routiniertheit eines Mannes, der diese Routine in wechselnden Versionen seit Jahren absolviert hatte. Am Ende der Treppe, die den normalen Festsaal vom erhöhten Ehrengästeplateau trennte, blieb der PR-Mitarbeiter kurz stehen, weil ein Photograph und ein Sponsor gerade die Laufwege blockierten. Dieser kleine Stau reichte.
Anya trat aus einer Seitenachse des Festsaals in Shanes Weg. Das dunkle Grün ihres Kleides, das sich unter dem kalten Licht des Festsaals fast schwarz färbte, kontrastierte Shanes Sportkleidung in Rot-Blau-Weiß. Anya setzte auf genau jene kontrollierte Anziehungskraft, mit der Frauen wie sie seit Jahren von allen Männern unterschätzt wurden, die glaubten, sie hätten gerade Glück.
Shane sah sie an, freundlich genug, zu schüchtern für ihren Geschmack.
Anya grüßte ihn mit entgegengestreckter Hand: „Herr Hollander?“
Shane war etwas verdutzt: „Sie kennen mich? Und wer sind Sie? Die dänische Staatssekretärin?“
„Sie sind der Kapitän des britischen Teams. Jeder hier kennt Sie! Ich bin nur eine Nachbarin.“
Er sah kurz auf ihr Smaragdcollier, das seinen Blick unwillkürlich in ihren Ausschnitt zog. Anya kannte die Wirkung und lächelte einladend. Shane wandte hastig den Blick auf den Festsaal. Dann zurück zu ihr.
Nach einem Räuspern meinte er: „Dafür haben Sie einen ziemlich weiten Vorgarten.“ 
Ein feiner Zug lag um Anyas Mund, ein dezentes Lächeln.
„Kopenhagen ist klein. Man trifft sich leichter, wenn man einen großen Vorgarten hat.“
Sie rückte näher, nahe genug, um als Flirt lesbar zu sein.
„Ich wollte Ihnen gratulieren. Sie sehen aus, als langweile Sie dieser Teil des Abends. Möglicherweise kann ich Ihnen, nachdem Sie Ihre Pflichtphotos gemacht haben, in der Nachbarschaft etwas Entspannenderes zeigen?“
Shane war verunsichert: „Das ist … sehr freundlich, aber …“
Anya unterbrach ihn elegant: „Und ich dachte, Briten genießen es, wenn man sie feiert.“
„Wahrscheinlich die britischen Briten, ich wurde im Vizekönigreich Kanada geboren, insofern bin ich eher nicht…“
Der PR-Mitarbeiter war noch immer zwei Schritte entfernt in einem Gesprächsstau gefangen und tat demonstrativ so, als sehe er diese Begegnung nicht. Anya entschied sich für die weichere Methode.
„Dann frage ich eben anders: Ist Dänemark erträglicher, wenn man so aussieht wie Sie?“
Shane antwortete ohne jede erkennbare Eitelkeit. „Woher sollte ich wissen, wie Dänemark ist, wenn man anders aussieht als ich?“
Das war nicht kokett gemeint. Eher als nüchterne Feststellung. Anya merkte es. Er gehörte nicht zu jenen Männern, die man mit ihrem Spiegelbild schneller machte. Sie versuchte es dennoch ein Stück weiter. Sein körperliches Auftreten stand in deutlichem Widerspruch zu seiner emotionalen Schüchternheit. Aber das Training hatte Anya mit vielen Typen von Männern konfrontiert.
„Sie sind also nicht nur Eishockeyspieler, sondern auch transhumanistischer Philosoph? Das überrascht mich. Normalerweise werde ich in Räumen wie diesem schneller interessant gefunden. Aber wenn es für Sie besser ist, können wir auch in meine Suite gehen, um dort über Jean Baudrillard oder Stefan Lorenz Sorgner zu diskutieren. Ich habe auch einige Bücher oben, die wir gemeinsam lesen könnten?“
Shane zuckte mit den Schultern und blickte hilfesuchend zu dem PR-Mann, der immer noch mit dem Rücken zu ihm stand und mit den Sicherheitsleuten diskutierte.
„Sie sind interessant, aber ich bin nicht interessiert. Es war ein anstrengendes Spiel und mein Trainer sagt immer, nach einem Spiel…“
Eine kurze, peinliche Stille folgte. Anya registrierte sie und analysierte. Sie hatte den falschen Hebel benützt. Sie wechselte in derselben Sekunde die Methode, ohne dass der Ton sichtbar kippte. Sie vermied alles, was ihn bedrängte oder sich unwohl fühlen ließ.
„Tragen Sie immer Geschenke von fremden Männern in Ihrer Hose oder war das nur dänische Gastfreundschaft?“
Sie deutete sanft auf seine Hosentasche. Shanes Blick veränderte sich nur minimal, zwar zu wenig für Panik, aber aus Anyas Sicht genug für Aufmerksamkeit.
„Fremde Männer? Ich kenne keine fremden Männer!“
Das war ein Bruch im Eis, den Anya aufstemmen wollte: „Das heißt, der Mann, der Ihnen den Puck geschenkt hat, war Ihnen nicht fremd? Oder meinten Sie es philosophischer: Sobald Sie einen Mann kennengelernt haben, ist er ein Bekannter, kein Fremder mehr?“
Shane spürte, wie sich seine Wangen röteten. Er suchte nach einem Ausweg, der ihn nicht an die Panik von Chestnut Mountains erinnerte. Er lehnte sich mit einer Schulter leicht gegen die Glaswand der seitlichen Absperrung. Eine Stellung, die lässig aussehen sollte und in Wahrheit Zeit kaufte. Und kurz schmerzte, weil sie die Schulterverletzung aus Illinois verwirbelte. Er löste sich verärgert von der Wand.
Dann sah sie kurz hinauf zum Ehrenplateau des Festsaals, wo auf der Gegenseite Ilya bei der Vertreterin der Weltenergieorganisation stand und Photos machen ließ, während die Kadetten des Jahrgangs Bär der Prinzessin einzeln vorgestellt wurden und abwechselnd von einer der Hofdamen eine Gedenkmedaille an die Uniformjacke gesteckt bekamen. Ilya stand gelangweilt und blickte suchend nach unten, nicht gereizt genug, um verräterisch zu wirken, aber hoch genug, um nicht zufällig zu sein. Er tippte etwas in sein Telephon. Anya merkte eine leichte Vibration in Shanes Hosentasche. Anya sah zurück zu Shane.
„Verhandeln Sie inzwischen mit Rozanow?“
Shane hob eine Augenbraue. Seine Hand fühlte den unbestimmten Drang, das Telephon zu nehmen und zu schauen, wer geschrieben hatte, obwohl er innerlich wusste oder hoffte, das es Ilya wäre. Doch woher könnte diese fremde Frau wissen, was im Hart-Chalet geschehen war? Oder bildete Shane sich nur ein, dass sie etwas wusste?
„Über was?“
Anya freute sich, dass der Fisch den Köder geschluckt hatte. Sie kannte nun den Weg. „Geschenke? Loyalität? Das Übliche zwischen zwei Männern, die sich auf Eis schlimmer benehmen als Diplomaten am Verhandlungstisch.“
Shane ließ den Blick für einen Moment an ihr vorbei durch den Festsaal schweifen, als wolle er prüfen, ob dieser Abend irgendwo unauffälliger geworden war oder wie er flüchten konnte, ohne peinlich zu wirken.
„Sollte ich das denn?“ Schweiß trat auf Shanes Stirn.
„Nicht mit ihm. Wenn es um die Sowjetunion geht, vertrete ich mein Land besser als ein Hockeyspieler.“
Das war der erste Satz, in dem der Witz offen genug mitging, um als Angebot zu funktionieren. Shane sah sie verwirrt an. Diesmal fast ehrlich eingeschüchtert.
„Das glaube ich sofort. Aber ich weiß nicht, was verkauft wird…Also kann ich nicht verhandeln. Da müssten Sie meine Mutter fragen. Alle Werbeaufträge oder Gastauftritte regelt sie für mich.“
Eine Sekunde lang huschte ein Lächeln über Anyas Gesicht. Sprach sie gerade mit einem Sportstar oder einem Kindergartenkind? War Kanada wirklich so überbehütet?
„Ist Ihre Mutter denn hier?“
Shane erschrak sichtbar. Er strengte sich an, ruhig zu klingen: „Warum sind in Dänemark zu viele Leute zu freundlich zu mir, beschenken mich oder wollen mich in die „Nachbarschaft“ einladen?“
Anya sah ihn einen Moment zu lang prüfend an. „Sie sind naiver, als die Kamera beim Meeresschutzvideo behauptet hat.“
Der PR-Mitarbeiter hatte den Weg nun frei und trat an Shane heran. „Da sind Sie ja. Herr Hollander, wir müssen jetzt wirklich zur Prinzessin und zu Stromberg.“
Er sah Anya, erkannte internationales Kapital, gute Schultern und potenzielles Risiko in einem Blick.
„Madame Amasowa.“ Er nickte ihr zu. „Wenn Sie möchten, kann ich Kapitän Hollander nachher zu Ihnen bringen für eine Autogrammkarte oder sogar ein gemeinsames Photo.“
Anya wandte sich schon um und antwortete über ihre Schulter: „Keine Sorge. Ich wollte Ihren Starspieler nicht für die Sowjetunion kaufen.“
Der PR-Mitarbeiter lachte zu höflich, weil er nicht wusste, ob er das durfte. Shane erstarrte bei der Erwähnung von „Sowjetunion“.
„Sie sind Russin?“
Anyas Blick blieb ruhig. Shane versuchte, nicht an Ilya zu denken, fasste sich aber unwillkürlich an das Mobiltelephon, auf dem es noch eine ungelesene Nachricht gab, sicher von oben.
„Sie haben ja schon Herrn Rozanow kennengelernt, unten, auf dem Eis. Die Sowjetunion hat viele Facetten. Für manche Männer zahlt man nicht. Man wartet nur, wem sie am Ende gehören. Und da ich für Rosatom arbeite, die Nuklearenergiebehörde der russischen Sowjetrepublik, kann ich ganz andere Angebote machen als Kapitän Rozanow.“
Das war hart genug, um zu testen, ob er darauf reflexhaft reagierte. Zum ersten Mal war Anya wirklich, wenn auch nur minimal, überrascht, nicht gekränkt, eher belustigt, als Shane den Blick verzweifelt nach oben zu Ilya wandte, als könnte er dem Druck nicht widerstehen. Dann wandte er sich wieder ihr zu mit hilflosem Gesichtsausdruck. Sie trat einen halben Schritt zurück und gab den Weg frei.
„Versuchen Sie nicht, Strombergs Hand mit den Schwimmhäuten zu schütteln, er mag das nicht. Es gibt Männer, die bestimmte Berührungen geradezu fürchten.“
Der PR-Mitarbeiter trippelte ungeduldig. „Herr Hollander…“
Er wandte sich um und stieg die sieben Stufen hinauf. „Ja, ja. Internationale Zusammenarbeit. Ich komme schon.“
Shane ging mit dem PR-Mitarbeiter weiter Richtung Festsaalthron der Prinzessin, wo gerade die letzten Kadetten ihre Medaillen angesteckt bekamen. Er drehte sich nicht noch einmal um wie jemand, der entschieden hatte, dass diese Frau gefährlicher war, wenn man ihr zusätzliche Höflichkeit schenkte. Wenn die Sowjetunion so war, wie er befürchtete, war sie möglicherweise für Ilya eine Gefahr, keine Verbündete.
Anya sah ihm nach. Dann blieb sie allein in der seitlichen Festsaalzone stehen, nur so lang, bis sie aus dem Gespräch drei saubere Dinge extrahiert hatte:
Shane hatte nicht gewusst, was Lind ihm gegeben hatte.
Er wusste inzwischen, dass es wichtig war.
Und der direkte Weg zu ihm führte nicht über weibliche Reize.
Ihr Blick ging nach oben zu Ilya, der inzwischen wieder auf sein Telephon sah, dann kurz zur Prinzessin. Dort lag der brauchbarere Hebel. Anya wandte sich ab und ging. Hinter ihr begann der Festsaal bereits wieder so zu tun, als sei ein Abend mit Prominenten, Eisballett und Technikpräsentationen eine völlig normale energieeffiziente Gesellschaftsveranstaltung.

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