Das Kompromissangebot

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Der Lastenaufzug hielt mit einem Ruck. Alle Waffen richteten sich auf die Türen.
Anya zielte auf Stromberg, Volpe auf Anya, Klebb stand so klein und hart neben Lodge, dass selbst der Beton vorsichtiger wirkte.
Die Aufzugtüren öffneten sich.
Paloma stand darin.
Hinter ihr die fröhlichen Kadetten Mutoi, Komarova, Kalaschek, Höller, Kromoser und Eder.
Alle sechs Kadetten wirkten deutlich weniger frisch als bei ihrem literarischen Auftritt, dafür ernsthafter und reifer. Paloma sah aus, als habe sie keine Zeit für Dramatik.
„Niemand schießt“, sagte sie, während sie ihr Sturmgewehr auf Stromberg richtete. Erst jetzt bemerkte Anya, dass Paloma auch die Kadetten mit Pistolen ausgestattet hatte. Sie hoffte, dass diese in Österreich eine ausreichende Ausbildung mit Waffen erhalten hatten.
Magnus hob hinter einer Limousine vorsichtig sein Bier.
„Ich unterstütze diesen Antrag.“
Paloma trat aus dem Aufzug, ging direkt zur Seitenkonsole und zog mit Ravns gestohlener Universalkarte eine kleine Abdeckung auf. Darunter lag ein industrieller Schalter, gelb-schwarz markiert, völlig unschön und dadurch verdächtig wichtig.
Ravn begriff es zuerst.
„Nicht!“
Paloma drückte.
Ein tiefes hydraulisches Stöhnen lief durch die Garage. Am unteren Ende der Rampe, zwischen Ravn, ihren Wachen und der Rampe zum Servicegang, senkte sich eine massive Betonplatte aus der Decke. Schnell genug, um jeden zu zerquetschen, der dumm genug gewesen wäre, sich darunter aufzuhalten. Ravn wollte noch zwei Schritte vorrennen, doch die Platte schloss mit einem dumpfen Schlag. Staub fiel von der Decke. Ravn und ihre Wachen waren ausgesperrt.
Paloma atmete aus. Anya knirschte.
„So. Jetzt haben wir ein Gespräch ohne Frau Ravn.“
Stromberg sah sie an, als habe ein besonders schöner Schmetterling gerade sein Aquarium eingeschlagen.
„Paloma, du hast gerade unser Druckmittel ausgesperrt!“ anya senkte ihre Pistole und deutete auf das liegende Fass mit dem Atommüll. „Ich hatte Ravn damit unter Kontrolle, dass ich drohte, das Fass anzuschießen und den Servicegang mit tausenden radioaktiven Splittern zu bestreuen.“
Paloma zuckte mit den Schultern, ohne Stromberg aus dem Visier zu nehmen.
„Ein einfaches Danke kam dir wohl nicht über die Lippen, Genossin.“
Lodge schloss langsam seine Aktentasche.
Volpe betrachtete Paloma mit offenem Interesse. Klebb ebenfalls, aber bei ihr mischte sich Begierde in das Interesse.
„Wo sind die drei Ringe?“, fragte Claudia.
Paloma sah sie an.
„Verladen und auf den wogenden Wellen des Meeres sicher unterwegs. Ihr dachtet doch nicht, dass ich euch in den Händen von Frau Ravn zurücklasse und verrate. Die Ringe hatten Priorität. Aber ihr kamt gleich an zweiter Stelle.“
Anya trat einen halben Schritt vor.
„Nach Kuba?“
Paloma lächelte klein.
„Wohin sonst? Bei aller sozialistischen Geschwisterschaft, Kuba ist meine Heimat. Und es sind ja noch drei Ringe da für die Sowjetunion. Wollen wir jetzt gehen?“
Stromberg schloss kurz die Augen.
Es war nur ein winziger Moment. Aber es war der Moment, in dem ein Mann, der Kontinente, Ozeane und Zeitfenster in Berechnungen verwandelte, begriff, dass sechs Neptuniumringe plötzlich nur noch drei waren und der Rest auf See.
„Dann“, sagte Claudia leise, „kann er die Maschine nicht wieder anfahren.“
„Nicht schnell, da haben Sie recht, Frau Dr. Tiedemann. es ginge zwar auch mit vier Ringen, wie der verschwundene Dr. Lind bezeugte, aber ich gehe, wenn es sich um Ozeane dreht, lieber auf Nummer sicher“, sagte Stromberg.
Das war fast schlimmer als ein Fluch. Es war ein Eingeständnis.
Ilya lag inzwischen halb aufgerichtet an Shanes Schulter. Er war blass, seine Augen waren geschlossen. Caba hatte die Blutung so gut stabilisiert, wie es in einer Tiefgarage möglich war, aber der Verband war dunkel geworden.
Palomas Gesicht veränderte sich.
„Was ist mit ihm passiert?“
Shane antwortete nicht sofort. Seine Hand lag an Ilyas Schulter, zu fest, zu ruhig.
„Querschläger. Splitter vom Ring.“
Paloma sah zu Anya.
„Und Sie verhandeln noch? Er braucht einen Arzt und eine Dekontamination.“
Anya sagte scharf: „Ich habe medizinische Versorgung verlangt.“
Volpe ging langsam auf Paloma zu, die Hände sichtbar leer, weil sie ihre Pistole demonstrativ eingesteckt hatte.
„Von Frau zu Frau“, sagte sie, „wir können hier alle sehr stolz sterben oder sehr klug weggehen. Kuba bekommt drei Ringe. Das ist mehr, als Kuba heute Morgen hatte.“
Paloma ließ sie näher kommen, aber nur bis zu einer Grenze, die niemand sah und Volpe natürlich genau traf.
„Und was bekommt Stromberg?“
„Zeit“, sagte Volpe. „Gesicht und die Hälfte seines Plans.“
„Und?“
Volpe lächelte. „Das ist Verhandlung. Niemand bekommt alles.“
Klebb trat auf Palomas andere Seite. Ihre Stimme wurde überraschend weich, fast warm, was bei ihr bedrohlicher war als ein Befehl.
„Sie sind mutig“, sagte sie. „Und hübscher, als Mut in diesem Beruf meist ist.“
Paloma drehte den Kopf.
„Umwerben Sie mich gerade?“
„Sind Sie interessiert? Ist gibt mehr Argumente als Neptunium, Eis und Strom.“
„Mitten in einer Garage mit Atommüll?“
„Man nutzt die Räume, die die Geschichte einem gibt.“
Magnus flüsterte hinter dem Auto: „Das ist der romantischste Satz, den ich je neben einer radioaktiven Mülltonne gehört habe.“
Lodge hatte währenddessen bereits begonnen, in Möglichkeiten zu denken. Man sah es an seinem Gesicht: Jede Katastrophe wurde bei ihm erst tragbar, sobald sie eine Haushaltsstelle bekam.
„Kuba braucht Küsteninfrastruktur“, sagte er. „Sturmfeste Lagerhäuser. Vielleicht ein von der Strombergstiftung finanziertes Energieeffizienzprojekt für alle Rathäuser? Oder Parteizentralen, wenn Ihnen das wichtiger ist?“
Paloma sah ihn an.
„Sie wollen Kuba kaufen?“
„Finanzieren, das ist ein gewaltiger Unterschied“, sagte Lodge.
„Das ist Kaufen mit Schuhen aus Sardinien.“, ätzte Anya.
Claudia rief: „Ich erinnere daran, dass wir hier zwei Fässer mit deutlich erhöhter Strahlung haben. Wenn wir noch länger stehen, können Sie Ihre Bestechungsangebote alle in Blei rahmen lassen.“
Anya kniete kurz neben Ilya. Caba wich ihr nicht aus, sah sie aber streng an.
„Er darf nicht bewegt werden, bevor wir wissen, wohin“, sagte Caba.
„Er muss hier weg“, sagte Anya.
Shane hob den Blick.
„Er braucht einen Arzt. Jetzt bitte!“
Stromberg sah zu Paloma, dann zu den Kadetten, dann zu den drei verbliebenen Ringen.
„Wir brauchen eine Vermittlerin, die alle Seiten akzeptieren können.“
„Francine de la Motte“, sagte Claudia sofort.
„Sie ist WEO“, sagte Lodge. „Damit eine Interessentin höchster Ordnung. Das ist nie neutral.“
„Sie ist fachlich neutraler als Sie“, sagte Claudia.
„Das ist nicht schwer“, murmelte Magnus.
Mutoi trat aus dem Kreis der Kadetten vor und stellte sich zwischen Paloma, Anya und Stromberg. Alle blickten verwirrt auf den mutigen Kadetten, der sich selbst in ein perfektes Schießfeld aller Konfliktparteien gestellt hatte.
„Prinzessin Indulan muss es sein.“
Alle sahen ihn an, als habe er den Ersten Weltkrieg mit einem Federstrich beendet und Frankreich und Österreich danach zum Tee eingeladen. Der junge Kadett wurde nicht kleiner, obwohl das vernünftiger gewesen wäre.
„Die Prinzessin ist Dänin. Ihre Familie profitiert von Strombergs Gratisstrom für Christiansborg, also hat sie ein Interesse, dass die Sache nicht einfach als Angriff auf die Stiftung behandelt wird. Zugleich ist sie dem dänischen Volk verpflichtet. Und der Übereinkunft über die Monarchien. Sie kann nicht zulassen, dass eine königliche Familie durch illegale Technik oder fremde Mächte kompromittiert wird.“
Stille.
Dann sagte Magnus: „Der Junge ist besser als Essen in Hessen.“ Er kicherte ein wenig, aber die anderen ignorierten ihn freundlich.
Komarova nickte. „Darum ist er Jahrgangssprecher.“
Stromberg sah Mutoi lange an.
„Sie haben auf der Bühne Nestroy zitiert und schlagen nun eine dänische Prinzessin als nukleare Vermittlerin vor.“
„Jawohl.“
„Österreich ist ein erstaunlicher Ort.“
„Jawohl.“
Claudia sah zu Anya.
Anya sah zu Paloma.
Paloma sah zu Stromberg.
Volpe lächelte, als gefiele ihr die Unwahrscheinlichkeit des Vorschlags. Klebb wirkte nicht begeistert, aber sie wirkte auch nicht gelangweilt, sie streifte den Schlagring von ihrer Hand und schob ihn geschickt in ihre Handtasche, nicht ohne Paloma erneut kritisch zu mustern. Das war bei ihr beinahe Zustimmung.
„Indulan“, sagte Claudia schließlich. „Und de la Motte fachlich dazu.“
„Nein“, sagte Anya. „Zuerst Indulan allein. De la Motte können wir das Ergebnis präsentieren, aber sie ist nicht Teil der Verhandlung.“
Stromberg sah auf die Fässer.
„Indulan zuerst.“
„Ich bedanke mich für das Vertrauen“, sagte Mutoi.
Stromberg sah ihn an.
Shane sah auf Ilya. Dessen Kopf war gegen seine Schulter gesunken. Die Augen geschlossen. Für einen schrecklichen Moment wurde Shane völlig still.
„Ilya?“
Caba griff sofort nach seinem Puls.
„Bewusstlos“, sagte sie. „Puls da. Atmung flach, aber da. Ich will ihn aber nicht nochmal an dem Benzinlappen schnüffeln lassen, den Frau Klebb mir empfohlen hatte.“
Shane sagte nichts. Er sah nur zu Stromberg hoch.
Das genügte.
Stromberg hob langsam die Hand.
„Ein Arzt kommt über den Lastenaufzug herunter. Niemand von meinen Leuten wird ihn aufhalten. Und wir besuchen die Prinzessin in der Königsloge, die ist so bequem wie abhörsicher.“
Shane hielt Ilya fest.
„Ich bleibe bei ihm.“
„Herr Rozanow ist Teil der Angelegenheit.“, sagte Volpe, nachdem sie über das Kommunikationsterminal den Arzt angefordert und die Hofdamen der Prinzessin über den dringenden Audienztermin informiert hatte.
„Er ist bewusstlos.“
„Dann nicken Sie für ihn“, sagte Volpe sanft.
Shane sah sie an, dann auf Ilya. Er hasste den Satz. Aber er verstand ihn.
Langsam nickte er.
„Für Ilya: Arzt zuerst. Dann kommen wir nach.“
„Akzeptiert“, sagte Stromberg.
Anya sah Shane prüfend an. Dann nickte auch sie.
Claudia sagte: „Die Kadetten bleiben von den Fässern fern.“
„Selbstverständlich“, sagte Kalaschek, wir kennen die Gefahr.“
„Und sie bewachen die Ringe“, sagte Stromberg.
„Als neutrale Österreicher?“, fragte Magnus.
„Als neutrale Zeugen, ja“, sagte Stromberg.
„Noch schlimmer“, sagte Magnus. „Österreichische Zeugen schreiben lange Berichte.“
Mutoi drehte sich zu seinen Leuten.
„Alle Kadetten außer den bereits beteiligten bleiben hier hinter der Markierung, fern von den Fässern. Niemand berührt die Ringe ohne Anweisung. Niemand trinkt irgendetwas, das nicht Wasser ist. Niemand erklärt das hier zu einem Spiel.“
Köck hob vorsichtig die Hand.
„Ich melde mich freiwillig als Zeuge des Geschehens in der Tiefgarage.“
Magnus trat neben ihn.
„Ich auch. Als hessischer Zivilzeuge mit Bierkompetenz.“
Claudia sah ihn an.
„Warum überrascht mich das nicht?“
„Weil Sie intelligent sind?“
„Das war keine Einladung.“
Stromberg sagte: „Köck und Magnus kommen als Garagenzeugen mit. Mutoi, Komarova, Kalaschek, Höller, Kromoser und Eder kommen mit. Sie haben Palomas Hafengeschichte gesehen und werden sie bestätigen.“
Klebb sah zu den drei verbliebenen Ringen.
„Ich bleibe bei den Ringen.“
„Nein“, sagte Claudia, Anya und Paloma gleichzeitig.
Klebb hob eine Augenbraue. Lodge räusperte sich.
„Klebb begleitet mich, weil ich ihren Schutz brauche, Volpe und Lodge geben ihre Zutrittskarten ab und werden mit den Kadetten hier im geschlossenen Tiefgaragenbereich bleiben, nur falls jemand erwachsene Hilfe braucht.“ Das akzeptierte sie offenbar, wenn auch nur, weil es wie ein Befehl klang und nicht wie eine Bitte. Volpe und Lodge gingen zum offenen Lieferwagen mit den Ringen, nachdem sie Klebb ihre Zutrittskarten abgegeben hatten, Klebb selbst trat knapp hinter Stromberg.
Caba blieb bei Ilya, bis der Arzt käme; Bauer half ihr. Shane blieb ebenfalls. Paloma trat noch einmal zu Ilya hinunter. Sie berührte nicht ihn, sondern nur kurz Caba an der Schulter.
„Halten Sie ihn am Leben!“
Caba nickte.
„Das hatte ich vor.“
Der Lastenaufzug rumpelte wieder, diesmal leer genug für Menschen, die sich auf den Weg zu einer dänischen Prinzessin machten.
Stromberg ging zuerst hinein. Klebb folgte ihm und hielt ihre Zutrittskarte an den Leser, um die Fahrt hinauf zu autorisieren. Anya, Claudia und Paloma stiegen ein, jede mit einer anderen Vorstellung von Weltrettung. Mutoi, Komarova, Kalaschek, Höller, Kromoser und Eder folgten als ungewöhnlich steife, ungewöhnlich ernste österreichische Zeugen.
Magnus schloss mit Köck die seltsame Delegation ab, bevor sich die Tore des Lastenaufzugs schlossen.

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